Psychische Widerstandskraft

Der Begriff „Resilienz“ kommt ursprünglich aus der Physik und bezeichnet die Fähigkeit eines Werkstoffes, sich zwar verformen zu lassen und dennoch wieder in die ursprüngliche Form zurück zu finden. Auf den Menschen übertragen steht dieser Begriff für die Fähigkeit  unserer Psyche, widerstandfähig gegen Stress und Belastungen zu sein.

Diese Widerstandskraft gegen Stress und Belastungen ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich stark ausgeprägt. Jeder kennt sicherlich eine Person, die trotz eines Schicksalsschlages oder extremer Herausforderungen gesund und positiv durchs Leben geht. Stehaufmännchen ist ein Begriff, der im Zusammenhang mit dem Phänomen der Resilienz auch gerne benutzt wird. Denn es zeichnet einen resilienten Menschen nicht aus, dass ihn nichts umhauen kann, sondern dass er oder sie in der Lage ist, sich nach Krisen (mit oder ohne Unterstützung) wieder zu erholen und im besten Falle gestärkt aus einer Krise hervor zu gehen.

Resilienz und betriebliche Gesundheitsförderung

Was macht nun dieses Thema so interessant und so wichtig wenn es um Gesundheitsförderung geht? Manch einer mag jetzt mit den Schultern zucken und feststellen, dass manche eben nichts umhaut und andere Menschen wiederum sehr zarte Pflänzchen sind. Was grundsätzlich richtig ist. Wir Menschen sind verschieden und auch unsere Widerstandskraft gegen Stress und Belastungen ist unterschiedlich ausgeprägt. Aber – und das ist die gute Nachricht: diese seelische Widerstandkraft kann gestärkt werden. In jedem Alter. Die aktuelle Forschung, die Forschungsergebnisse der positiven Psychologie und der Gehirnforschung zeigen, dass Resilienz in jedem Alter gestärkt und erweitert werden kann.  Um dies Erkenntnis praktisch nutzen zu können, ist es hilfreich Faktoren zu benennen, die in ihrer Ganzheit Resilienz prägen.

7 Resilienz-Faktoren:

  • Akzeptanz
  • Selbstregulation
  • Lösungsorientierung
  • Netzwerkorientierung / Beziehungen
  • Zukunftsorientierung
  • Verantwortung / Selbstwirksamkeit
  • Optimismus

Resilienz und Stressbelastung

Resilienzfaktoren dahingehend zu betrachten, in welchen Bereichen ein Mensch (oder im Arbeitskontext ein ganzes Team) „gut aufgestellt“ ist und in welchen er eher „ein wenig schwächelt“, ist sehr hilfreich um diesen Bereich gezielt stärken zu können. Damit lassen sich gleichzeitig Stressbelastungen senken und damit mehr Energie und Wohlbefinden ins Leben holen.

Menschen mit einer hohen Resilienz in Unternehmen

In meinen Coachings und Seminaren treffe ich in aller Regel auf Menschen, die über eine sehr gute Resilienz verfügen. Eine hohe Resilienz ist grundsätzlich ein guter Schutz, gegen chronischen Stress. Doch auch im Leben des resilientesten Menschen kann es zu Situationen oder Herausforderungen kommen, die seine Belastbarkeit übersteigen. Beim Blick auf die Resilienzfaktoren und deren Ausprägung zeigt sich oft deutlich, wo das „Einfallstor“ für die hohe Belastung, quasi die persönliche Achillesferse eines Menschen liegt. Daraus ergibt sich dann folgerichtig, welcher Faktor gezielt gestärkt werden sollte.

Ein Beispiel aus der Praxis

Eine Führungskraft Herr K., ein fachlich extrem kompetenter und erfahrener Teamleiter, hat auf der menschlichen Ebene mit einzelnen seiner Mitarbeiter regelmäßig Schwierigkeiten. Die Stimmung im Team insbesondere ihm gegenüber wird immer angespannter. Er versucht lange Zeit die problematischen Themen und die Unstimmigkeiten fachbezogen und pragmatisch zu lösen, was ihm immer wieder gelingt. Dennoch kehrt im Team kein wirklicher Friede ein.

Herr K. leidet zunehmend unter der angespannten Situation und hat immer weniger Freude und Motivation was seine Tätigkeit betrifft. Der Blick auf die Auswertung seines „Resilienztests“ macht schnell deutlich: Herr K. ist top aufgestellt bei fast allen Faktoren. Nur beim Faktor „Netzwerkorientierung – Beziehungen“ sind seine Werte deutlich niedriger als bei den restlichen Faktoren. Interessanter Weise entlastet dieses Ergebnis Herrn K. deutlich. Er findet sich in seinen Kompetenzen bestätigt und kann nun deutlich erkennen, wo sein künftiges Lernfeld liegt.

Beim gemeinsamen Fokussieren im Coaching auf Herrn K.s Art der Kommunikation, seine Haltung und seine Freundlichkeit den Mitarbeitenden gegenüber, wird schnell das Verbesserungspotential im Sozialen miteinander deutlich.

Sechs Monate später, nach intensiver Selbstreflexion, offenem Feedback im Coaching und gezieltem Kommunikationstraining ist Herrn K.s Motivation und die Freude an seiner Tätigkeit zurückgekehrt. Die Stimmung im Team, als auch seiner Person gegenüber, hat sich deutlich verbessert. Die Kommunikation mit anderen Menschen, auch in privaten Bezügen fällt Herrn K. leichter als früher und er kann das Miteinander mit anderen mehr genießen, als dies in der Vergangenheit der Fall war.

Stärkung von Resilienz und Stressmanagement

Stärkung von Resilienz und Stressmanagement gehen Hand in Hand. Der kompetenz- und stärkenorientierte Ansatz der „Resilienzforschung“ erleichtert insbesondere Menschen die viel Verantwortung tragen und Menschen in Leitungsfunktionen den Blick auf die eigene Situation.

Die Vorstellung vieler Menschen denen ich begegne, dass in Seminaren zum Stressmanagement nur auf Probleme und Belastungen geschaut wird, stimmt zwar nicht, dennoch haftet dem Thema „Stress“ im betrieblichen Kontext oft immer noch etwas Abschreckendes an. Mitarbeitende scheinen hier eine deutliche Hemmschwelle überwinden zu müssen, um an einem „Stressseminar“ teilzunehmen. Beim Thema Resilienz finden sich dagegen gerade die Leistungsträger und die Mitarbeitenden, die gemeinhin viel „wuppen“ angesprochen, gewürdigt und eingeladen. Wenn dann beim Blick auf die eigenen Stärken deutlich wird, dass beim Resilienzfaktor „Selbstregulation“ durchaus noch Luft nach oben ist – prima, dann kann das Thema Stressmanagement mit hoher Akzeptanz angegangen werden. Der Faktor „Selbstregulation“ steht explizit für die Fähigkeit des Menschen, sich zu motivieren und sich zu entspannen. Sprich, sich selbst in einer guten Balance zu halten bzw. sich zum Wohle seiner langfristigen Gesundheit zu regulieren.

Aus der Praxis:

Bitte ich in Workshops ein Team, ein Team-Resilienz-Ranking zu erstellen, sehe ich häufig, gerade bei Menschen in Technischen Berufen folgendes Bild: Lösungsorientierung – TOP!; Zukunftsorientierung – TOP! Netzwerkorientierung – TOP! Alle anderen Faktoren sehr gut – bis auf den Faktor Selbstregulation – der ist (aufs gesamte Team bezogen) allenfalls Mittelfeld, eher darunter.

Im Teamalltag heißt das meist, dass Belastungen nicht als solche thematisiert werden. Das alle so tun, als würden sie die hohe Arbeitsdichte und die ständigen Unterbrechungen mit Links wegstecken. Sondereinsätze am Wochenende stellen angeblich keine Belastung dar.

Bildet dieser niedrige Wert beim Resilienzfaktor „Selbstregulation“ den  Dauerzustand in einem Team ab, sind langfristig stressbedingte Leistungs- und Gesundheitseinbußen vorprogrammiert.

Übrigens: In einer solchen Konstellation, wirkt allein das Thematisieren der Belastungen und der persönlichen Bewältigungsstrategien der einzelnen Teammitglieder enorm entlastend. Auf die Frage am Ende einer Tagesveranstaltung, was die wichtigsten Aspekte für Sie persönlich gewesen seien, kommt von den Teilnehmenden häufig die Antwort: „Es entlastet mich sehr, mitzubekommen, dass es den Kolleg*innen auch so geht“ und: „Dass wir jetzt endlich angefangen haben, uns darüber auszutauschen.“

Wirtschaftliche Aspekte

In Teams, die sich selbst beim Resilienzsfaktor „Selbstregulation“ sehr niedrig einschätzen, macht es gerade unter langfristigen, wirtschaftlichen Gesichtspunkten Sinn, die Kompetenz der Führungskräfte und der Mitarbeitenden in Bezug auf das persönliche Stressmanagement zu stärken.

Je älter Menschen werden, desto mehr schlagen ungedämpfte Belastungen körperlich und psychisch negativ zu Buche. Ein Unternehmen, das seine Fachkräfte und die Kompetenz seiner Mitarbeitenden lange halten und leistungsfähig haben möchte, tut gut daran, diese Mitarbeitenden gezielt in ihrer Gesundheitskompetenz zu stärken.

  • Tipp
    Das zweiteilige Seminar: "Den Umgang mit Stress stärken - Resilienz trainieren" stärkt Mitarbeitende und Teams nachhaltig. Resilienz stärken und Stressmanagement optimieren gehen hier Hand in Hand.